Grüne Woche 2013

 

Eindrücke von Karin Ulich

 

Marionetten-Politik

 

Die Grüne Woche ist im Laufe der Jahre immer mehr zur Propagandabühne der Agrarindustrie geworden, die bemüht ist, die heile Welt zu beteuern. Ilse Aigner, die deutsche Landwirtschaftsministerin, ist immer noch ein braves Sprachrohr dieser Lobby und lässt sich willig vom Bauernverbandspräsidenten durch den Ring führen - nach Sonnleitner führt nun Rukwied. Die „Moderne Landwirtschaft“ sei der Schlüssel gegen Hunger, „unser bewährtes System“ solle man „nicht auf den Kopf stellen“. Der Weg zu „Nachhaltigkeit“ und „Klimaschutz“ führt ihrer Aussage nach über Subventionen pro Hektar, nicht über gesellschaftliche Leistungen wie Klima-, Tier-  und Artenschutz oder die Anzahl der Arbeitskräfte pro Hof, womit sie sich weiterhin den „Greening“-Vorschlägen des Agrarkommissars Dacian Cioloş widersetzt. Sie behauptet, darin seien sich die Agrarminister aller Bundesländer einig. Das kann nicht stimmen: In der Ansprache des neuen Grünen Landwirtschaftsministers Habeck aus Schleswig-Holstein beim Empfang der Grünen klang das ganz anders!

In den Pressekonferenzen der Agrarjournalisten gelang es mir und anderen Tierschützern immerhin, kritische Fragen zu stellen.

 

 

 

(Foto: Eckard Wendt)

 

Kanzlerin Merkel muss ran

 

Dieses Jahr reichte Aigners Gewicht in der Waagschale angesichts des wachsenden Widerstands aus der Bevölkerung und der sich anbahnenden Erfolge der Grünen in Niedersachsen nicht aus: Bundeskanzlerin Angela Merkel musste ran und eine Stunde Rundgang machen. Während ihres Weges durch die Hallen wurde sie mit vielen kleinen Leckereien belohnt.

In ihrer Ansprache erklärte sie, dank der Grünen Woche fände in einer technisch orientierten Zeit der ländliche Raum Würdigung, sie sprach von Nachhaltigkeit und Ernährungssicherheit und behauptete, hier könnten Kinder sehen, wie Ernährung entstünde. Schade, dass auch das nicht stimmt – die Schulführungen im „Erlebnisbauernhof“ können ohne weiteres als trügerische Werbung der Agrarindustrie bezeichnet werden. Immerhin merkte die Kanzlerin an, dass die Bürger zunehmend auf Qualität achteten. Nur: Wer sagt, was Qualität ist? Ich habe kein kritisches Wort zu den bestehenden Strukturen vernommen.

 

 

 

Auf die Bitte eines Fotografen stellte sie sich neben die überdimensionierte Plüschkuh.

 (Foto: Karin Ulich)

Ihre Betrachtungsweise der echten Tiere scheint auch nicht wesentlich von ihrer Haltung zu dieser abzuweichen – „es sind ja nur Tiere“, äußerte sie 2005 Eckard Wendt gegenüber, angesprochen auf Ferkel, die ihrer Schwänze beraubt waren. Das scheint sich in keiner Weise geändert zu haben. Dennoch wird sie eine wichtige Rolle bei der Entscheidung zu den künftigen Kriterien bei der Verteilung der Agrarsubvention spielen. Sie will sich am 7. Februar höchstpersönlich gegen die vom Agrarkommissar als Bedingung für Subventionen vorgesehenen 7% ökologisch genutzten Flächen auflehnen. Naturschützer sind überzeugt, dass 7% noch viel zu wenig sind, um die Artenvielfalt in Europa sicher zu stellen. Deshalb versuchte ich, ihr bei ihrem Presserundgang einen „Offenen Brief“ unseres Vereins zu überreichen, was aber nicht möglich war: Es schob sich stets der eine oder andere große Wachposten vor mich, „man hatte mich auf dem Kieker“.

 

Wir schickten ihn deshalb per Post ins Kanzleramt.

 

 

Das politische Ziel Deutschlands:

Die billigste Fleischerzeugung der Welt in Massen

 

Wie wahnsinnig rasant ist in den letzten Jahren auf dem Weltmarkt das deutsche Geschäft mit Tieren und ihren Produkten aus der Massentierhaltung expandiert  – dank massiver politischer Wegbereitung durch den extra dafür abgestellten Staatssekretär Dr. Gerd Müller, dank massiver Subventionen und hemmungsloser Baubefugnisse!

 

Der neue Bauernverbandspräsident setzt voll auf Wachstum für den Weltmarkt, Investitionen für globale Wettbewerbsfähigkeit, auf innovative Entwicklung und dreiste Lügen: „Wir Bauernfamilien wirtschaften seit vielen Generationen nachhaltig“ Sie seien „Garant für Umwelt- und Landschaftsschutz“. Als „frei“ empfindet er sie übrigens auch. Und, natürlich: „Wir halten unsere Tiere tiergerecht“. Wie das zu verstehen sei, wenn doch Schweine durch Schwanzverstümmelung und Geflügel durch Schnabelamputationen den Systemen angepasst werden müssten und hohe Antibiotika-Gaben ein Beleg für kranke Tiere seien? Fragte ich. Er sieht das als „Tierschutzmaßnahmen“, da es doch immer einzelne aggressive Tiere gäbe...

Gelinde gesagt, für mich ist dieser Mann unerträglich. Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, sieht das ähnlich: Bei einem Bauernverbandspräsident wie Rukwied  ist das Maß voll!

 

Märchenstunde im Erlebnisbauernhof – oder Gehirnwäsche?

 

Unerträglich ist auch die Halle „Erlebnisbauernhof“, die von der FNL („Fördergemeinschaft für nachhaltige Landwirtschaft“) regiert wird - dem Interessenverband der Agrarkonzerne.

Die Texttafeln, Broschüren und Flyer dienen der Propagierung der Vorteile einer Industrialisierung, sind ein Loblied auf die „moderne Landwirtschaft“. Zwei Tafeln erklärten den Besuchern, dass für ein Brot 1m²  gebraucht würde, wenn man mit Dünger und Pflanzenschutz arbeitet, 2m² seien nötig, wenn nicht. Beim Presserundgang hatte ich die Gelegenheit, nachzufragen, was mit Düngung und Pflanzenschutz gemeint sei, Gift und Kunstdünger, oder ob auch die organischen Dünger wie Mist und Humus (z.B. durch Fruchtwechsel mit Leguminosen = Schmetterlingsblütler wie Bohnen und Erbsen und Linsen, die Stickstoff in ihren Wurzelknöllchen binden können) hier als Dünger betrachtet würden. Das musste der Herr zugeben.

(Foto: Eckard Wendt)

 

 

(Foto: Eckard Wendt)

Doch für den Laien sieht der Vergleich der Tafeln zunächst so aus, als würde nur der konventionelle Anbau Platz sparend sein und der Bioanbau die doppelte Fläche benötigen. Einer von vielen Tricks. Es werden auch Ferkel auf Kunststoffgitterboden ausgestellt, viel weniger natürlich als in der Realität. Der unkritische Besucher verlässt die Halle mit dem Gefühl, es sei großartig, dass so viel guter Mais und Raps angebaut würde, und als sei „moderne Tierhaltung“ gesund und die Tiere lebten in den geschlossenen Riesenställen glücklich. Leider lassen hier viele Lehrer ihre Schulklassen führen, leider machen sie vergnügt Frage-Antwortspiele mit und speichern falsche Informationen ab.

 

Erfreuliche Veranstaltungen und Unternehmen

 

Doch es gibt auch die positive Seite, wenn auch weniger protzig. In der gut besuchten Pressekonferenz des „AgrarBündnis“ stellten Vertreter der 24 beteiligten Organisationen aus bäuerlicher Landwirtschaft, Tier- und Umweltschutz den neuen „Kritischen Agrarbericht“ vor, der diesmal die aktuelle Europäische Agrarreform thematisiert. Die Notwendigkeit eines grundlegenden Systemwechsels wird in fundiert recherchierten Beiträgen eindrucksvoll dargelegt und erklärt. Dieses wertvolle Gegengewicht zu den trügerischen Argumenten der Konzerne sollte für die verantwortlichen Politiker Pflichtlektüre sein! Der „Kritische Agrarbericht kann für 22,00 € bestellt werden unter http://www.bauernstimme.de/buecher/der-kritische-agrarbericht.html

 

Erfreulich waren auch einige kleine Stände, die dafür umso besser besucht waren. Dazu gehörte der Stand von Neuland, wo eine Sau mit ihren verspielten Ferkeln viel Platz und gemütliche Stroheinstreu genoss und zum Publikumsliebling wurde.

 (Foto: Karin Ulich)

 

Auch pflanzlichen Nahrungsmitteln widmeten sich zahlreiche Aussteller. Das Gastland Holland erfreute mit aromatischem Gemüse aus Gewächshäusern, die weitgehend ihre Schädlingsbekämpfung mit biologischen Helfern schaffen und für die Temperaturregulierung zunehmend im Winter Erdwärme bzw. im Sommer Erd-gespeichertes Kaltwasser einsetzen wollen.

 

 (Foto: Karin Ulich)

Russland präsentierte auf dem schönsten Stand der Grünen Woche, wie ich finde, liebevoll und künstlerisch gestaltete Brote in einer großen Vielfalt.

  

 (Foto: Karin Ulich)

Übrigens verhängte Russland am 23.Januar wieder einmal ein Importverbot für Rind-, Geflügel- und Schweinefleisch aus Deutschland: Hygienekontrollen und die veterinärmedizinischen Kontrollen (besonders auf Antibiotika) entsprechen nicht den russischen Anforderungen.

 

 

Beim „Neuland“-Empfang am Abend des 18.01. wurde Das 25-jährige Bestehen dieses Markenzeichens für Höfe mit artgerechter, umweltfreundlicher, kleinbäuerliche Tierhaltung gefeiert. „Neuland“ wurde gegründet von BUND, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, dem Deutschen Tierschutzbund und BUKO-Agrar. Die Vorstände der Organisationen und einige Politiker hielten Ansprachen, besonders BUND-Präsident Hubert Weiger beeindruckte mich wieder einmal mit seiner engagierten, bewegenden Rede. Im Mittelpunkt stand die Forderung an die Politiker, die Weichen für eine bäuerliche Landwirtschaft zu stellen, zum Schutz von Mensch, Tier, Natur und Umwelt.

 

 (Foto: Karin Ulich)

 

Wir haben es satt – das fanden ca. 25 000 Demonstranten

 

Der Widerstand gegen die Verharmlosung der verheerenden Folgen des Agrobusiness in Deutschland zeigte sich geballt wie noch nie bei der Demonstration „Wir haben es satt“ am Samstag dem 19.Januar: Mindestens 25 000 Demonstranten, vom Kind bis zum Senior,  zogen in einem bunten, phantasievoll gestalteten Zug vom Hauptbahnhof zum Kanzleramt. Er erstreckte sich kilometerlang, und die Teilnehmer stammten nicht nur aus ganz Deutschland, sondern auch aus Nachbarländern, sogar aus Rumänien waren einige angereist.

 

 (Foto: Karin Ulich)

 

Natürlich trafen wir auch Mitglieder von Tierschutzvereinen, wie den AgfaN, mit denen wir seit langem verbunden sind.

(Foto: Eckard Wendt)

 

Einige Tier-&-Mensch-Mitglieder und -freunde verteilten hunderte von unseren DinA5-Blättern „Die Folgen der Massentierhaltung“ an Demonstranten („für die Daheimgebliebenen“) und viele Bürger Berlins, die wir unter anderem am Hauptbahnhof antrafen, und die staunend auf den endlos scheinenden Demonstrationszug blickten.

 

Weitere Bilder, Infos, Filme: http://www.wir-haben-es-satt.de/start/fotos/

und

http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/190113wir_haben_es_satt

 

 

Karin Ulich

 

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