Tier & Mensch e.V.
Erfahrungen mit unserer Freilandhaltung von Legehennen
Photo: E.Ulich
Die Hühnerhaltung in Europa befindet sich im Wandel. Die Käfighaltung ist ein Auslaufmodell, denn lt. EU-Beschluss soll es sie ab 2011 in der bisherigen Form nicht mehr geben. Deutschland übt eine Vorreiterrolle aus und beendet die Käfighaltung bereits ab 2007.
Diese Entwicklung hat unter den Hühnerhaltern für einige Aufregung gesorgt, man sucht nach Alternativen, und der Begriff "Freilandhaltung" ist in aller Munde.
Was versteht man unter "Freilandhaltung"?
Gemäß der EU-Verordnung Nr. 1274 aus dem Jahre 1991 müssen Freilandeier aus einer Haltungsform stammen, bei der die Hühner tagsüber uneingeschränkt Zugang zum Auslauf haben. Dieser muss größtenteils begrünt sein, und jedem Huhn muss mindestens 10 qm Auslauffläche zur Verfügung stehen. Das ist im Wesentlichen eine vernünftige Regelung, denn sie kommt den natürlichen Bedürfnissen der Hühner einigermaßen nahe. Hühner wollen tagsüber im Freien leben und dort nach Futter suchen. Sie haben allerdings ein gewisses Schutzbedürfnis. Für die Nacht benötigen sie einen sicheren erhöhten Schlafplatz. Die Eier werden gern an einem versteckten Ort abgelegt. Deshalb gibt es in unseren Ställen Sitzstangen und Nester. Die Nahrung besteht neben sauberem Trinkwasser im allgemeinen aus Körnerfrüchten, Insekten, Würmern und jungen Grasspitzen. Es werden sogar kleine Steine aufgenommen, um die Nahrung im Magen zu zerreiben. Ebenso wird im Boden nach Mineralstoffen gesucht. Um die Nahrung zu finden, scharrt das Huhn im Erdboden, es weidet aber auch Triebspitzen und Fruchtstände der erreichbaren Pflanzen ab. Zur Körperpflege (Abwehr von Parasiten) braucht das Huhn die Möglichkeit zum Sandbaden. Wenn zu diesen Minimalforderungen noch ein günstiges Klima kommt, wird das Huhn sich wohlfühlen und gesund bleiben.
In unserer modernen Gesellschaft, wo das Huhn nur als Eier- und Fleischlieferant eingestuft wird, ist es so gut wie unmöglich, dem Huhn ein völlig naturgemäßes Leben zu bieten, denn die Haltung unterliegt starken wirtschaftlichen Zwängen. Sonst würde niemand Eier verkaufen können. Deshalb müssen zum Nachteil der Hühner Kompromisse eingegangen werden, bei denen aber das Wohlbefinden der Tiere niemals außer Acht gelassen werden sollte.
Der Kleintierhalter, dessen Hühnerschar frei in einem großen Garten lebt, kann seinen Tieren die beste Lebensgrundlage bieten. Wenn er dann noch Futter aus ökologischem Anbau zukauft, dann kann er Qualitätseier erzeugen. Bei einer solchen "Hobbyhaltung" aber müssen Abstriche zur Verbesserung der Wirtschaftlichkeit gemacht werden. Denn die Freilandhaltung birgt auch Gefahren und Probleme in sich.
Die Gefahren und Probleme der Freilandhaltung
Im Freien wird das Huhn tagsüber von natürlichen Feinden (Füchse, Greifvögel) bedroht. Der Auslauf muss daher strukturiert sein. Neben Freiflächen - Gras oder junges Getreide - sollte es auch Bäume und vor allem Sträucher geben, die bei Gefahr schnell erreichbar sind. Ohne diese Schutzbereiche könnten die Tierverluste durch Hühnerhabicht oder Roten Milan sehr hoch werden. Zur Abwehr des Fuchses muss der Auslauf mit einem Zaun gesichert sein, der bis unter die Erdoberfläche reicht. Am Abend gehen die Hühner ganz von selbst in den Stall, der fest verschlossen wird und fuchs- und mardersicher sein muss.
Eine weitere Gefahr für das Huhn entsteht durch Krankheiten bei einer fehlerhaften Freilandhaltung. Durch den Kot scheidet das Huhn vereinzelt Krankheitskeime aus. Wird der Kot über die gesamte Fläche verteilt, bleiben Tier und Umwelt gesund. Aber in Stallnähe kommt es oft zu Kotanhäufungen, weil sich die Tiere nicht gern weiter als 50 m vom Stall entfernen. Dann können die Hühner bald erkranken (Coli, Kokzidiose, Darmparasiten). Die Tierzahl darf daher nicht aus Gründen der Wirtschaftlichkeit beliebig erhöht werden. Eine überlastete Freilandhaltung würde sich dann als Nachteil für die Tiere erweisen. Auch Probleme für die Umwelt könnten entstehen, denn es besteht die Gefahr, dass Stickstoff und Phosphor durch Auswaschung in das Grundwasser gelangen. Aus diesen Gründen dürfte eine Freilandhaltung, die den Namen verdient, nicht mehr als 800 Hühner in einer Herde haben. Und der Abstand zur nächsten Herde sollte wenigstens 50 m betragen. Werden diese Kriterien eingehalten, kann man von einer artgerechten Haltung sprechen. Denn gesunde Hühner legen gesunde Eier.
Leider gibt es sogenannte Freilandhaltungen, (die wir Pseudofreilandhaltung nennen), in denen Herdengrößen von 3000 Tieren und mehr die Regel sind. Hier gehen die meisten Hühner auch am Tage überhaupt nicht aus dem Stall, weil sie die wenigen Auslaufluken nicht finden. Wir aber haben große Tore in den Ställen, und wenn diese am Morgen geöffnet werden, strömen die Hennen sofort ins Freie.
Eine echte Freilandhaltung bringt für die Betreuer viel Freude, aber auch viel Arbeit mit sich. Wenn die Junghühner mit dem Legen beginnen, müssen wir sie zunächst zur "Nesttreue" erziehen. Zwei Wochen lang achten wir streng darauf, dass die Eier nicht "verlegt" werden. Wir sammeln die ersten Eier, legen sie ins Nest und setzen das Huhn darauf. Nach kurzer Zeit haben das alle kapiert und bleiben ihr Leben lang nesttreu. Sogar vom Auslauf kommen sie weither, um das Nest im Stall aufzusuchen.
Jeder, der die Anforderungen an eine gesunde und artgerechte Hühnerhaltung kennt, wird einsehen, dass die hier erzeugten Eier sehr viel teurer sein müssen. Vor allem das Futter aus ökologischem Anbau trägt ganz erheblich zu den hohen Kosten bei. Wir besitzen nicht zwei Millionen Legehennen, wie die großen Geflügelbetriebe, sondern nur 2000. Aber die Berliner Naturkostläden warten jede Woche auf unsere Eier.
Willi Paetsch (August 2003)
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