Tier & Mensch e.V.

Grün verschleierte Woche in Berlin

von Karin Ulich

Die Grüne Woche in Berlin war wieder ein großes Schauspiel. Diesmal drehte sich das Drama um das große Zukunftsthema Landwirtschaft im Problemfeld Klimawandel und Welternährung. Neue, nachhaltige und zukunftsweisende  Konzepte für die Politik wurden von der Messeleitung proklamiert, und immerhin fanden sich die Landwirtschaftsminister aus etwa 50 verschiedenen Ländern ein, um „mitzuspielen“.

Die Hauptdarsteller waren Bauernverbandspräsident Sonnleitner und Landwirtschaftsministerin Aigner. Ja, in dieser Reihenfolge. Denn wenn Sonnleitner ihr irritiert einen persönlichen Brief schrieb, in dem er forderte, sie solle ihre Aussage,  weniger Fleisch zu essen würde der Gesundheit und dem Klima gut tun, klarstellen, (wie er selbst sagte) und sie daraufhin ihre eigenen Worte als „wundervolle Ente“ leugnete, dann ist wohl klar, wer die Hauptrolle inne hatte.

Beide beschworen eindrucksvoll den Klimaschutz, Qualität und Nachhaltigkeit, sie sprachen von Verantwortung und Weitsichtigkeit. Die Bauern schützten das Klima, nur ein bisschen schadeten sie ihm, nur zu 5,6%. Die Tierschutzstandards seien hoch, die Artenvielfalt der Landwirtschaft zu verdanken.

Künftig müsse die Produktion effektiv gesteigert werden mit moderner Technik und Forschung, die Exportförderung werde gestärkt. Das gilt ganz besonders für die Ausweitung der „Tierproduktion“. Gleichzeitig wird prognostiziert, dass in Zukunft die Fleischpreise auf dem Weltmarkt stagnieren werden. Nanu, wie passt das alles zusammen?


Gestresste Ferkel auf Kunststoffspalten mit typischen Verletzungen an den Beinen und Bisswunden im „ErlebnisBauernhof“ auf der Grünen Woche 2010
    (Foto:Karin Ulich)

Es lenkt den Blick hinter die Kulissen, wo es viel spannender zuging: Da wurden knallharte Geschäfte gemacht, statt Nachhaltigkeit galt das Gesetz der Profitmaximierung, hier herrschten die Großkonzerne der Massentierhaltung und der Agro-Gentechnik ohne sich den Kopf über eine Milliarde Hungernde oder Klima zu zerbrechen.  Ein Beispiel ist der Vertragsabschluss mit Russland, dort für 92 Millionen Euro eine Schweinezuchtanlage samt Fleischverarbeitungsfabrik  für 27.000 Tonnen Fleisch im Jahr zu bauen.  Als lebende Anschauungsobjekte litten 25 Ferkel auf einem kahlen Kunststoff-Spaltenboden. Sie hatten zwar viel mehr Platz als in den üblichen Ställen, einige trugen aber die typischen schmerzhaften Verletzungen an den Sprunggelenken und Füßen, alle waren mit Bisswunden übersäht, die auf enorme soziale Belastung durch Zusammenwürfeln unterschiedlicher Herkünfte hindeuteten. Es ist schwächeren Tieren vollkommen unmöglich, sich den Angreifern zu entziehen. Unverständlich, dass der zuständige Amtsarzt alles in Ordnung fand.

 

Doch die Kritiker waren überall präsent. Sie waren zahlreich vertreten und hoben entschlossen den Grünen Schleier, um unübersehbar auf die Widersprüchlichkeit der Show aufmerksam zu machen. Auch die Ferkelhaltung wurde zur Anzeige gebracht (http://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/schweinemaester-reden-sich-um-kopf-und-kragen).  Zwei Greenpeace-Mädchen kippten beim Agrarminister-Empfang Frau Aigner Kartoffeln vor die Füße und forderten ein Anbau-Verbot gentechnisch veränderter Kartoffeln, während gleichzeitig Demonstranten des Netzwerkes „Bauernhöfe statt Agrarfabriken“ mit Mitglieder von über 60 Bürgerinitiativen, von Bauern-, Tierschutz- und Umweltverbänden gegen die industrielle Massentierhaltung demonstrierten. Mit zahlreichen Ortsschildern machten sie darauf aufmerksam, in welchen Dörfern sich die Bewohner verzweifelt gegen Massentierhaltungsanlagen zur Wehr setzen. Aus einem Lautsprecher tönte das Schreien von Schweinen in Todesangst. Viele unserer Flugblätter wurden verteilt, auf denen die vielfältigen Schäden durch Tierfabriken aufgeführt sind, Vertreter der Verbände hielten eindringliche Ansprachen.

Aber auch in den Pressekonferenzen oder Fachveranstaltungen der Wirtschafts-Mächtigen, des Bauernverbands, und der Politik  war diese „Seilschaft“ nie ungestört. Die Versuche, den Grünen Schleier vor die wahren Interessen zu hängen, wurden von kritischen Fragen stets entlarvt.

 

Wer sich sachlich informieren wollte, hatte Gelegenheit bei ausgezeichneten Veranstaltungen der großen Umweltschutz- und Tierschutzverbände, beim Arbeitskreis Bäuerliche Landwirtschaft, und  Netzwerken, wie der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, dem Agrarbündnis, Neuland, oder auch bei Bio-Verbänden.

Es wurde der neue „Kritische Agrarbericht“ vorgestellt. Sein zentrales Thema ist der Boden mit seinen für Fruchtbarkeit und Klima so wichtigen Lebensgemeinschaften, die in heute üblichen Monokulturen durch Gift und Kunstdünger getötet und der Erosion preisgegeben werden.

Die im Weltagrarbericht zusammengestellten wichtigen Erkenntnisse von 500 Wissenschaftlern, die 7 Jahre lang unter der Federführung des Weltbank-Wirtschaftsexperten  Robert T. Watson international zusammen gearbeitet hatten, wurden zur Sprache gebracht. Beim Neuland-Empfang war Frau Aigner anwesend und musste sich aufrüttelnde Reden anhören.

Ob sie begriffen hat, dass die Rettung des Lebens auf unserem Planeten nicht von noch mehr Technik, noch mehr Tierproduktion und der Gentechnik liegt, sondern in der bäuerlichen, regionalen, ökologischen Landwirtschaft mit artgerecht gehaltenen Tieren in kleinen Beständen, die Auslauf im Feien haben und Stroh im Stall?  Hat sie begriffen, dass die Verbraucher informiert werden wollen, wie die Lebensmittel erzeugt werden, wie die Tiere gehalten wurden, weil 93% (emnid-Umfrage) qualvolle Massentierhaltung ablehnen?

 

Wir hoffen, dass sie sich allmählich aus der Seilschaft lösen wird, auch wenn es sie ihren Posten kosten sollte, denn der Koalitionsvertrag ist nach den Wünschen der Agrar-Industrie verfasst. Es ist jedoch dringend nötig, dass endlich die Vernunft regiert – nicht die Profitgier der „Global-Players“.

 

Tier und Mensch hat nach Kräften seinen Beitrag geleistet. Wir haben uns in den Diskussionen eingebracht, auf den Straßen außerhalb des Messegeländes Tausende von Flugblättern verteilt, Frau Aigner einen „Offenen Brief“ überreicht in dem wir sie auf die fundamentalen Widersprüche der Politik aufmerksam machten. Wir haben Tierärzten, Politikern und Tier-„Produzenten“ kritische Fragen gestellt, demonstriert und Vorträgen gelauscht. Dabei fühlten wir uns geborgen und ermutigt in der starken Gemeinschaft Gleichgesinnter.

Nur mit der Übergabe der 2950 Unterschriften und des Protestschreibens von 16 Vereinen gegen die Vogelgrippe-Politik  klappte es leider nicht – dafür müssen wir eine andere Gelegenheit finden.

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