Tier & Mensch e.V.
Das Schicksal der Hahnenküken
"Heute essen wir Hähnchen!", sagt so mancher und denkt, dass die Hähne der Legehennenrassen zumindest kurze Zeit leben durften. Das war früher in der Tat so, und daher stammt auch unser Begriff "Hähnchen". Heute müsste man richtigerweise von "Brathühnchen" sprechen.
Seit nämlich einige Unternehmen Hochleistungs-Legehennen gezüchtet haben, taugen die Hähne nicht mehr zur Mast, weil die sogenannten "Hybrid-Linien" der Legehennen auf hohe Legeleistung bei niedrigem Körpergewicht selektiert wurden. Je weniger Körpermasse eine Henne hat, desto geringer ist ihr Nahrungsbedarf zur Deckung des Grundumsatzes. Betriebswirtschaftlich bedeutet dies weniger Futter für ein Ei.
Als Ausgangsrasse wurde das weiße und relativ leichte Leghornhuhn wegen seiner guten Legeleistung gewählt. Die Tiere waren allerdings sozial nicht so verträglich wie die schwereren Rodeländerabkömmlinge, welche als Ausgangsbasis für die Braunleger dienten. Dennoch wurden die weißen Rassen bevorzugt für die Legekäfige verwendet, denn von ihnen passten mehr Tiere in einen Käfig. Der Gefahr des Federpickens und des Kannibalismus wurde kurzerhand durch Schnabelkürzen begegnet. Der Verbraucher lernte schnell, dass weiße Eier aus Käfigen stammten und die Braunen meistens aus Freilandhaltung. Doch das war ein fataler Trugschluss, denn raffinierte Käfighalter machten sich dies zunutze und sperrten des Profits wegen vermehrt braune Hennen in die Käfige. Viele Wochenmarkthändler nutzten das blinde Vertrauen ihrer Kunden besonders schamlos aus. Als dann die deutsche Legehennenhaltungsverordnung für Hühner über 2 kg Gewicht 550 cm² vorschrieb, machten sich Zuchtunternehmen daran, auch die bis dahin deutlich über 2 kg wiegenden braunen Linien unter diese "Schallgrenze" zu züchten. Allerdings zeitigte dieser Erfolg auch einen gravierenden Nachteil: Die bis dahin relativ ruhigen braunen Hennen wurden sehr nervös und unfriedlich. Heute geben selbst Verfechter des Legekäfigs zu, dass sie mit braunen Hennen mehr Probleme haben.
Doch zurück zu den Hähnen der Legehennenrassen. Was geschieht mit ihnen, da sie sich nicht mehr zur Mast eignen? Sie werden nach dem "Sexen" entweder vergast oder in einem Häckselwerk zerfetzt und gelangen dann über eine Tierkörperbeseitigungsanstalt als Tiermehl wieder in das Tierfutter: Das war bis zum Fütterungsverbot von Tiermehl das Recycling der besonderen Art der Tierindustrie. Vergaste Tiere werden auch in Zoos als Futter für Greifvögel verwendet. Jährlich werden in Deutschland etwa 45 Millionen Küken zum Tode verurteilt! Einschließlich der Tiere, die im Ausland für den deutschen Verbrauch gehalten werden, sind es insgesamt ca. 70 Millionen Hahneküken, die gleich nach dem Schlüpfen getötet werden (Stand 2001). Wahrscheinlich hat sie sogar das bessere Schicksal als das der Käfighennen ereilt.
Eckard Wendt (März 2002)
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