Tier & Mensch e.V.

Gedanken zur Heimtierhaltung
Allgemeines und Grundsätzliches:
Horst Stern (Zitat): „Wissen ist die einzige menschenwürdige Grundlage für ein Leben mit Tieren“
Artgerecht halten heißt: Die Haltungsbedingungen der ursprünglichen Lebensweise der Tierart annähern. Das erfordert hohen Einsatz des Halters und fundierte Kenntnisse. Doch der Schattenraum ist groß, der Willkür sind kaum Grenzen gesetzt: Was soll, darf man dem Tier an Einschränkungen zumuten?
Die Heimtiere sind meiner Erfahrung nach meist unwissenden Menschen ausgeliefert, leiden an dauerhafter, qualvoller Langeweile, Einsamkeit, Bewegungsarmut, Stress oder Stumpfsinn. Auch kann ein Käfig zur tödlichen Falle werden: Z.B. bei Hitze oder Kälte auf dem Balkon, oder wenn die Versorgung mit Futter und Trinkwasser schlampig gehandhabt wird.
Für den kommerziellen Heimtiermarkt hat das Wohl der Tiere keine Bedeutung: Hohe Verkaufszahlen sind erwünscht. Am Zubehör, darunter jede Menge teurer, aber überflüssiger Schnickschnack, werden Unsummen verdient. Umfassendes Wissen um die Bedürfnisse der Tiere durch die Halter ist nicht im Interesse der Industrie.
Die Haupt-Kardinalfehler der Tierhaltung werden auf verantwortungslose Weise begangen:
- Man sei bereits tierlieb und für die Tierhaltung geeignet, wenn man ein Tier „herzig“ und „süß“ findet.
- Menschliche Bedürfnisse werden unbedacht auf Tiere übertragen.
Aber auch gut gemeinte schlechte Tierhaltung, also Tiermisshandlung mit gutem Gewissen, ist Tierquälerei!

Beispiel Hund:
Vor Jahrtausenden züchteten ihn Jäger und Sammler aus dem Wolf. Schon die alten Ägypter hatten kurzbeinige Rassen, die Assyrer kräftige Kämpfer. Um das Jahr 0 zählte ein römischer Dichter 5 Rassen, heute gibt es etwa 400.
Jedoch sind Rassehunde oft nichts als planmäßig vervielfältigte Krüppel mit schweren Gesundheitsbelastungen, unter denen sie ihr Leben lang zu leiden haben:
Hüftgelenkdysplasie besonders beim Schäferhund, aber auch anderen großen Rassen, führt zu schwerer Arthrose, die aufstehen und Laufen nach wenigen Jahren zur Qual macht.
- Kurzbeinigkeit: Die Krankheit „Dackellähme“, Folgen von Körperbaubedingtem Bandscheibenvorfall, ist nach seinem Opfer benannt.
Zwergrassen und angezüchtetes „Kindchenschema“: Mopsgesicht mit chronischen juckend-brennenden Faltenekzemen, Atemnot, Entzündungen. Oder sie können wegen ihrer offen bleibenden Fontanelle „zu Tode gekrault“ werden!
Riesenrassen: Angeborene Herzkrankheiten u.a. verkürzen das Hundeleben oft auf die Hälfte der durchschnittlichen Lebenserwartung.
Die einseitige Konzentration auf Äußerlichkeiten vernachlässigt den Charakter: Hysterie, Ängste, Unberechenbarkeit, heftige Aggressionen unter den Artgenossen aber auch Epilepsie, können rassebedingte Folgen sein.
Aber auch Verständigungsschwierigkeiten kann es geben, wenn der Schwanz fehlt oder ständig aufreizend nach oben geringelt ist, was dem Artgenossen Arroganz vortäuschen kann.
§ 11b des Tierschutzgesetzes sollte solche Folgen verhindern, denn er verbietet die „Qualzucht“, nämlich die Zucht von Tieren, die dadurch Schmerzen und Qualen erleiden. Offenbar kümmert sich niemand drum.
Die Erziehung ist ein grundlegendes und umfassendes Thema, weshalb der Besuch einer Hundeschule und das Studium guter Bücher zur Pflicht werden sollten. Wie viele Besitzer strafen ihren verängstigten, völlig unterwürfigen Hund, weil er in Babymanier seine Unterwerfung ausdrückt, indem er auf dem Rücken liegend pieselt! Was soll der arme Kerl denn noch tun, um seine Demut zu bekunden?
Vergessen wird oft das Verlangen nach ständigem Beisammensein mit dem „Rudel“, wenigstens mit einer Bezugsperson. Auch der überdurchschnittliche Bewegungsdrang, der mehrere Stunden Laufen und Erkunden am Tag erfordert. Die wenigsten werden diesem Bedürfnis ihres Hundes gerecht. Auch ist die Unsicherheit groß, wenn sich verschiedene Hunde treffen. Ein solides Wissen um die sozialen Rituale und Gesten kann in vielen Fällen für Entspannung und Zufriedenheit auf allen Seiten sorgen.

Beispiel Hamster:
Er ist unter den Heimtieren der einzige Einzelgänger. Er ist nachtaktiv, ehemaliger Wüsten- bis Wüstensteppenbewohner aus Syrien. Er gräbt tiefe, umfangreiche Gangsysteme mit Schlaf- und Vorratskammern – welch Heimhamster hat die Möglichkeit, dieses Bedürfnis, diese Fähigkeit auszuüben? Hat jemand im Handel Grabewannen für Hamster gesehen?
Einst war die Vorratshaltung lebenserhaltend. Lange Strecken wuselte er hin und her, um in der Erntezeit, wenn die paar Samen der kargen Bodenflora reif waren, in den Backentaschen das Futter in den Bau zu tragen – es musste für viele Monate vorgesorgt werden! Heute ist das ein Weg von wenigen Zentimetern vom vollen Napf in die Plastikschachtel, von den Menschen „Schlafhaus“ genannt. Das Bedürfnis, weite Strecken auf der Futtersuche zurückzulegen und die Samen einzeln zusammenzusuchen steckt als unerfüllter Drang im Tier und sorgt für Frust. Ob man ihm nicht wenigstens das Futter im ganzen Raum verstecken sollte, um ihm ein bisschen Befriedigung zu verschaffen?

Beispiel Meerschweinchen:
Eigentlich sind diese gesellig im Familienrudel lebenden Andenbewohner immer am Mümmeln von Grünzeug. Entsprechend verlieren sie auch überall Harn und Kot, was einen kleinen Käfig schnell verschmutzt, und Gesundheitsprobleme zur Folge hat. Also brauchen sie sehr viel Platz, nämlich auf Naturboden, aber auch überall die Möglichkeit, sofort in einer Deckung zu verschwinden. Im großen Zimmer, auf den Fußboden gesetzt, verharren sie in Angst am Fleck, oder sausen unter den Schrank, wo sie erst mal bleiben – zur Enttäuschung der Besitzer, die meinen, die Tiere wollten sich nicht bewegen. Setzt man sie jedoch in eine hohe Wiese, wo sie sich, geschützt von Gras oder Gestrüpp tummeln können, so tun sie das mit erfrischendem Temperament. Ein Ausguckklotz wird auch dankbar angenommen! Statt eines Zaunes reicht ein gemähter breiter Streifen rundum, den werden sie nicht so schnell überschreiten. Natürlich müssen sie vor Fressfeinden durch ein überdachtes Gehege geschützt werden, solange man nicht dabei ist und auf sie aufpasst. Winterkälte ist kein Problem, solange sie sich viel bewegen und vor Nässe schützen können.
Meerschweinchen und Kaninchen sind keine adäquaten Partner und können einander nicht den Artgenossen ersetzen, auch wenn sie sich vertragen. Aber auch ein Mensch und eine Kuh, würden sich zusammen tun, wenn sie die einzigen Wesen auf einer Insel wären!

Beispiel Kaninchen:
Alle „Stallhasen“ und „Zwerghasen“ stammen vom Riesen bis zum Zwerg vom Wildkaninchen ab. Sie leben gesellig, was ihnen das Gefühl der Sicherheit gibt und graben sich umfangreiche Gang- und Höhlensysteme, in denen sie bei Gefahr blitzschnell verschwinden. Wenn sie es nur können! Die Möglichkeit dazu ist unabdingbar für eine artgerechte Haltung.
Sie haben einen großen Bewegungsradius von bis zu 20ha – müssen unterwegs aber Deckung aufsuchen können. Auch ihre Freude an Bewegung ist enorm: flitzen, Haken schlagen, auf erhöhte Posten springen. Unser Klima vertragen sie von Natur aus, Nässe- und Hitzeschutz ist nötig.
Hasenmännchen müssen kastriert werden. Man kann Männchen nicht zusammen halten, ohne dass sie sich gegenseitig verletzen oder einer getötet wird, da ja nicht der Schwächere abwandern kann.
Das Nagen an Holz ist ständig notwendig, um die Zähne zu pflegen. Frische Zweige oder Äste müssen dazu möglichst täglich gereicht werden! Kurzköpfige Zwergkaninchen haben allerdings oft aufgrund des verformten Kiefers Zahnfehlstellungen, die immer wieder Maßnahmen durch den Tierarzt erfordern, soll das Tier nicht verhungern (Qualzucht!).

Beispiel Mäuse:
Sie sind weitaus intelligenter, neugieriger, unternehmungslustiger als alle anderen Heimtiere. Gruppenhaltung ist, wie auch bei Kaninchen und Meerschweinchen unverzichtbar, am besten in Weibchengruppen.
In einem breiten Turmregal an einer glatten Wand lassen sie sich ohne Gitter in der Wohnung halten, sofern sie von einer Etage zur nächsten an verschiedenen Seilen und Ästen klettern können.
Gras wird im Blumenkasten angeboten, ansonsten brauchen sie verschiedene Nagehölzer und Verstecke (z.B. hohle Wurzel). Streu zum Nestpolstern will die Maus selbst verarbeiten, auch das Futter will erarbeitet sein: Zum Beispiel nagen sie sich selbst durch alle Arten von Nussschalen oder ernten Sonnenblumenkerne aus dem Blütenteller. So bereitet man ihnen erfüllte mäusegerechte Stunden, damit es nicht zu lähmender, trostloser Langeweile kommt.

Beispiel Vögel:
Warum beneiden und bewundern die Menschen die herrliche Freiheit, die das Fliegen den Vögeln gewährt und sperren sie dann in Käfige? Ein trauriges Beispiel für dumme Widersprüchlichkeit.
Und man missversteht sie nur zu gerne: Wenn ein Vogel singt, ist er vergnügt, wenn der Wellensittich wie in Ekstase seinen Spiegel oder Plastikkumpan bearbeitet, ist er ja so schön am Spielen! Nein, ist er nicht: Verzweifelt versucht er, den starren „Artgenossen“ zu einer Antwort, einer Reaktion zu bewegen, denn er will als Schwarmtier Gesellschaft haben! Nur ein einzelner Wellensittich lernt Sprechen, weil er eben niemanden hat, mit dem er in seiner Sprache kommunizieren kann. Aber der Mensch ist ein frustrierender, nicht kompatibler Genosse, und ihn einzeln zu halten ist Tierquälerei.
Wer seine Wellensittiche unbekümmert ob der angenagten Möbel und Tapeten frei im Zimmer leben lässt und gleichzeitig die Unfallgefahren kennt und vermeidet, oder wer ihnen eine phantasievoll eingerichtete Flug-Voliere bieten kann, in denen sie auch klettern und an Holz nagen und sich mit Samenständen von Gräsern beschäftigen können, kann gerne Wellensittiche halten. Ansonsten hat man Vögel, die meist trauern.
Papageien gehören in keinen Haushalt! Sie reißen sich vor Langeweile oft ihr Federkleid aus. Denn sie sind hochintelligent, wie Krähen, und wollen nicht in Frust verkümmern. Sie leben von Natur aus im Schwarm, klettern wendig in den Urwaldbäumen herum und können viele Jahrzehnte alt werden. Beim illegalen Fang und Transport dieser geschützten Tiere kommen mindestens 90% ums Leben. Leider werden immer noch viele Wildvögel mit falschen Papieren oder im Gepäck versteckt nach Deutschland importiert. Handaufgezogene Papageien dagegen werden oft tückischerweise auf den Menschen geprägt, diesen unpassenden, untreuen Artgenossen, der so oft weg ist und auch sonst viele Enttäuschungen verursacht!
Auf Stangen angebundene Papageien verbeugen sich häufig, was die Menschen sehr witzig finden, da sie nicht wissen, dass es Ansätze zum Abflug sind, die jedoch sogleich unterbrochen werden, weil die Erfahrung gelehrt hat, dass man ja an der Kette baumelt, sollte man den Start wagen.

Beispiel Fische:
Kalt und gefühllos sind sie keineswegs, sondern sie haben je nach Art sehr ausgeprägte Bedürfnisse an ihre Umwelt und Mitlebewesen, vielfältige Lebensweisen und komplizierte soziale Regeln.
Doch was fühlen sie? Worunter leiden sie? Schmeckt ihnen das Fertigfutter, oder das Becken, in das sie verdammt sind, mögen sie die Pflanzen, ertragen sie die Geräusche, das Licht, das in das Aquarium dringt?
Tatsache ist, dass die Fische, die jahrelang, ja meist bis zu 10 Jahren und länger, leben könnten, in Deutschlands Aquarien im Schnitt gerade drei Monate aushalten! Die Todesrate ist also wegen Unwissenheit erschreckend hoch und das Aquarium in den meisten Fällen ein Kummerkasten.
Billig kann man die Opfer natürlich ersetzen, man hat ja sowieso kein persönliches Verhältnis zu jedem einzelnen Tier.
Leider stammen die meisten Fische aus der Wildbahn, und wie bei den Vögeln ist es auch hier: Gerade mal 90% erreichen den „Verbraucher“ lebend!
Aquarien mit Meeresfischen sind der letzte Schrei. Doch wer weiß schon, dass die bunten Korallenbewohner oft mit Gift betäubt und dann abgefischt werden? (z.B. Blausäure: Die Todesrate ist sehr hoch).
Wenn schon Aquarium, dann mit gezüchteten Fischen.
Lieber aber lasse man die Finger ganz davon.

Beispiel Katze:
Es ist nicht zu übersehen: Eine artgerechte Heimtierhaltung ist in den meisten Fällen bei fast keiner Tierart möglich. Der einzige zufriedene Hausgenosse ist meist die Katze, sofern sie draußen umher streifen und jagen gehen kann (sie jagt leider, ob man will oder nicht, alles, vom Schmetterling über Vögel bis zur Ratte) und ansonsten jederzeit ins Haus zu ihren Menschen kommen kann. Es ist meist leicht zu verstehen, was sie wünscht, und ein Katzenfreund kommt ihren Forderungen begeistert nach.
Jungkatzen wollen immer Gesellschaft haben, am liebsten natürlich Geschwister, mit denen sich spielen, raufen, kuscheln lässt. Wenn der Mensch für die Jungkatze nicht immer verfügbar ist, sollte er zwei aufnehmen. Nach etwa einem Jahr sind sie sich meist gleichgültig: Jede geht ihrer Wege und sucht sich eigene Bekanntschaften.
Kastration im ersten Lebensjahr sollte bei Kätzin und Kater selbstverständlich sein!
Wer ohne seine Katze verreist, sollte eine Vertrauensperson in der Wohnung einhüten lassen. Katzen wollen, dass jemand für sie da ist. Tierheim oder Pension sind eine schlechte Lösung: Durch den Stress können schwere Krankheiten ausgelöst werden!
Das praktische Fertigfutter bereitet oft Probleme für die Nieren und die Zähne. Doch der größte Feind sind die Autos. Jedes Jahr sterben Hunderttausende von Katzen unter den Rädern!
Sehr empfehlenswerte Bücher zum Thema, und auch Grundlage zu diesem Text , sind:
„Leben wie ein Hund – Über Tierliebe und Tierkenntnis“ von Claus-Peter Lieckfeld und Veronika Straass. Taschenbuch, rororo rotfuchs ISBN 3 499 20711 7 von 1991. Mit wertvollen Buchtipps im Anhang!
„Artgerechte Haltung – ein Grundrecht auch für (Zwerg-)Kaninchen“ ISBN 3-906581-35-7 von 2000 und „Artgerechte Haltung auch für Meerschweinchen“ ISBN 3-906581-23-3 von 1999, beide von Ruth Morgenegg, Verlag Kik-Special
Karin Ulich, Tierärztin in Lindau, Dezember 05
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