Tier & Mensch e.V.

Sturmtief Joachim  zeigt Fehlentwicklung in deutscher Landwirtschaftspolitik an

Ungehemmt wirbelte „Joachim“ die nackt und schutzlos liegende Erde riesiger Ackerflächen auf, riss sie mit sich und löste den schwersten Unfall in der Geschichte Mecklenburg-Vorpommerns aus. Nach Ansicht  der Tierärztin Karin Ulich, Vorsitzende von Tier & Mensch e.V. kann eine derartige Naturkatastrophe sich jederzeit in den großflächigen Ackerbau-Gegenden wiederholen.

„Schuld ist der „Strukturwandel“: Industrialisierung und Rationalisierung bestimmen seit Jahrzehnten die politisch gewollte Entwicklung. Immer intensiver wird Landwirtschaft betrieben, riesiger werden die Felder, immer größer und schwerer die Maschinen zur Bearbeitung. Darunter leiden unter anderem die Böden.“

Der BUND prangert seit Jahren die Zerstörung der wertvollen Humusschicht durch intensive Landwirtschaft sowie die Zerstörung der Hecken an, die nun als wichtiger Erosionsschutz fehlen.

Ein gesunder Boden besitzt eine dicke, äußerst lebendige Humusschicht, die fähig ist, große Mengen Wasser zu speichern, und sie wird durch sein Bodenleben zusammen gehalten. Kunstdünger und große Mengen an Gülle und Pestiziden töten das Bodenleben jedoch weitgehend ab, der Humus ist der Erosion durch Wasser und Wind preisgegeben.

Ganz besonders gefährdet sind die Maisfelder. Gerade der Maisanbau nimmt neuerdings massiv zu, denn der Staat fördert ihn großzügig zum Zwecke der Biogas-Gewinnung – „Ein typisches Beispiel von nicht ausreichend durchdachter politischer Weichenstellung“, bemerkt Ulich. Denn Mais verschlingt enorm viel Gülle, was zugleich der Entsorgung aus den boomenden Massentierhaltungen dient. Maisfelder benötigen zudem überdurchschnittlich viel Pestizideinsatz. So wird das Bodenleben gründlich abgetötet, Erosion ist die Folge: Regengüsse schwemmen große Mengen des Erdreiches fort, Trockenheit ermöglicht Sand- und Staubstürme. Mit dem Bodenleben und dem organischen Humus werden darüber hinaus enorme Mengen des Klima-Erwärmers CO2 freigesetzt.

Die verheerenden Folgen intensiver Landwirtschaft für Ökosystem, Tier und Mensch betreffen nicht nur die Böden, und sie lassen sich längst nicht mehr hinwegleugnen. Nitrat, Krankheitskeimen und Giftstoffen belasten Teiche, Seen und Fließgewässer, auch das Grundwasser zunehmend. Auch die Atmosphäre ist mit Stickstoffverbindungen aus der Gülle der Tierfabriken belastet – eine Hauptursache für sauren Regen. Die Nitratwerte in Deutschland überschreiten bereits die Grenzwerte der EU.

Einst bemühte sich Renate Künast als Grüne Landwirtschaftsministerin um eine bitter nötige ökologische Agrarwende. Der Regierungswechsel machte die guten Ansätze sofort gründlich zunichte um den Intensivierungs-Wahnsinn ungehemmt voran zu treiben:

So wurde der deutsche Ökolandbau in den letzten Jahren massiv geschwächt. Im November 2010 öffnete die Regierung den Topf mit den Fördergeldern für Ökolandbau „auch für andere nachhaltige Formen der Landwirtschaft“. Was das heißt, wurde Bündnis 90 / die Grünen als Antwort auf ihre Frage kürzlich mitgeteilt: „Für das Bundeslandwirtschaftsministerium ist alles nachhaltig, was gesetzlich zugelassen ist.“  Gesetzlich zulässig - das muss wohl die gängige Praxis der „ordnungsgemäßen Landwirtschaft“ sein.

Nach dieser Interpretation trägt alles das Mäntelchen der „Nachhaltig“, was definitiv nicht nachhaltig ist: Mit riesigen Monokulturen Äcker zu Wüsten zu verwandeln, deren leblose Böden als dicke Staubwolken Menschen und Straßenverkehr gefährden. „Nachhaltig“ heißt demnach, wenn sich Industrie-Unternehmen auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft Tierhaltung und Böden unter den Nagel reißen, Tausende von Qualzucht-Tieren in Ställen zusammenpferchen, die Brutherde für Seuchen bilden. Auch die gängige Praxis müsste als nachhaltig angesehen werden, mit gigantischen Mengen an Antibiotika zu versuchen, den durch Dauerstress und Gesundheitsschäden anfälligen Tieren gefährliche Infektionserreger einigermaßen vom Leibe zu halten. Das gelingt übrigens nur bedingt, wie die untragbar hohen Zahlen der Lebensmittelvergiftungen bei den Verbrauchern und die beängstigende Zunahme an resistenten Bakterienstämmen eindrucksvoll belegen.  Natürlich wäre unter „Nachhaltigkeit“ aus diesem Blickwinkel auch die treibende Rolle der „moderne Landwirtschaft“ – so wird sie von ihren Nutznießern gerne genannt – bei der Klimaerwärmung zu verstehen, verursacht durch Gift, Kunstdünger und unverantwortlichem Flächen- und Wasserverbrauch.

„Halten die Politiker und ihre Ratgeber aus der Wirtschaft wirklich die Bürger für so einfältig, den Schwindel nicht zu bemerken?“ Fragt sich Tierärztin Ulich und warnt: „Unsere Regierung manövriert Deutschland immer weiter in eine ausweglose Sackgasse, wie bei der Atomkraft: Zuerst werden die Interessen der Konzerne bedient. Die Folgen werden selbst dann noch geleugnet und ignoriert, wenn die Spatzen sie von den Dächern pfeifen!“

K.U. April 2011

 

 

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