Tier & Mensch e.V.

Mein Revier? - Unser Revier!
An einem Morgen im Frühsommer fiel er mir zum ersten Mal auf: Als ich aus dem Haus trat, flog laut singend ein prachtvoller Amselmann herbei und setzte sich dicht vor mich auf die Pergola. Schön war der Gesang, der aus dem gelben Schnabel tönte, doch er hieß unmissverständlich: „Verschwinde hier, das ist mein Revier!" Sein Nest musste in der Nähe sein, es war aber zu gut verborgen und konnte nicht ausfindig gemacht werden.
Diese Revier-Belehrung wiederholte er Tag für Tag, sobald jemand aus dem Haus trat oder hinein ging. Doch mit der Zeit nahm die Intensität ab, der Auftritt wirkte weniger entschieden, eher wie ein Ritual. Eines schönen Sommertages hatten wir Kaffeegäste geladen, und bei offener Tür saß die schlemmende Gesellschaft im Wohnzimmer. Plötzlich kam er herein geflogen, der Amselmann in seinem feierlichen schwarzen Federkleid! Unbekümmert hopste er um den Tisch und unter den Stühlen herum und suchte nach Krumen, bevor er wieder davonflog. Es schien ihm gefallen zu haben, denn am nächsten Tag dehnte er seinen Ausflug weiter aus und wurde ertappt, wie er auf das Ehebett hüpfte, das ordentlich mit einer Tagesdecke zugedeckt war. „Nein, mein Freund, stubenrein bist du ja nicht, geh mal wieder raus!"
Er verstand und verließ das Haus, blieb aber weiterhin ein zutraulicher Bewohner des Gartens und verfolgte mit Interesse, was die Menschen so machten. Am liebsten war es ihm, wenn im Garten gearbeitet wurde, denn beim Hacken und Graben kam so mancher Regenwurm ans Tageslicht - danke für den Leckerbissen!
Erlebt und erzählt von Ursula Wecker
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