Tier & Mensch e.V.

 
Wo vergrab ich nur meinen Schatz?

Charly, unser rot-weißer Jagdhund-Mischling, hat viele Freunde. Das ist kein Wunder, denn er ist genauso gutmütig, wie er mit seinen rotbuschigen Schlappohren und den sanften braunen Augen aussieht. Und so bekommt er ab und zu Geschenke. Eines Tages hatten ihm Nachbarn einen großen Oberschenkelknochen ins Gebüsch gelegt, von dem sie so großzügig den Schafsbraten abgeschnitten hatten, dass noch eine Menge für Charly übrig war. Seine harte Streunerjugend hatte ihn im Überlebenstraining gedrillt, und er roch schon von weitem, dass da was Gutes im Busch war. Zielstrebig schnüffelte er sich zu der Köstlichkeit heran und nahm sie in die Schnauze. Doch er wollte sich nicht jetzt gleich darüber her machen, sondern beschloss, ihn zunächst zu vergraben. Die schwierige Frage war nur, wo. Suchend ging er im Garten umher, scharrte ein wenig unter dem Haselstrauch, ein wenig beim Sommerflieder, konnte sich aber nicht entscheiden. Für seine alten Beine war der Boden zu fest, um ein ausreichend großes Loch buddeln zu können.
Ich musste ihn ins Haus rufen, denn mich erwartete ein Patient in der Praxis. Damit er sich inzwischen beschäftigen konnte, erlaubte ich ihm, den Knochen mit in den Hausflur zu nehmen. Nach 20 Minuten kam ich wieder zurück. Charly erwartete mich fröhlich Schwanz wedelnd an der Tür. „Na, wo hast du deinen Knochen?“ Ich wunderte mich, dass nichts mehr davon zu sehen war und begann, ihn zu suchen. War er unter den Schrank gerutscht? Unter die Treppe? Er war spurlos verschwunden! Ich konnte es nicht fassen, dass er den ganzen Knochen gefressen hatte, dazu noch in so kurzer Zeit. Na, hoffentlich gab es keine Knochenverstopfung! Um dem vorzubeugen, gab ich ihm eine gute Portion Futter und machte an diesem Tag einige besonders lange Spaziergänge, damit Haferflocken und Nudeln sich mit den Knochenteilen gut vermischen konnten, um die gefürchtete Zementbildung aus scharfen Knochensplittern zu verhindern. Diese Therapie war sowieso das reinste Hundevergnügen: Laufen und Fressen - es gibt kaum Wichtigeres auf der Welt!

Zwei Tage später rumorte ich früh in der Küche, als mein Mann, der ausnahmsweise mal ausschlafen konnte, mit finsterem Grollen aus dem Schlafzimmer im obersten Stockwerk die Treppe runter stieg. In der Hand hielt er den Riesenknochen! „Wie, zum Kuckuck, kommt der hinter mein Bett??!“, schimpfte er.

Welch ein Glück, dass Charly seinen Schatz nicht unter der Bettdecke vergraben hatte! Übrigens ist eigentlich die oberste Etage mit den Schlafzimmern tabu für ihn, aber in dem Fall überwog wohl das Gefühl, dass er über unser Bett steigen müsste, um im Winkel zwischen Bett und Wand einen sicheren Ort zur Verwahrung zu finden.

Nun nahm er den Knochen erfreut entgegen und verzog sich damit ins Gras, Dort hörten wir ihn eifrig knuspern und nagen.
So gierig er ist – auch Vorratshaltung ist eine Kunst, die er großartig beherrscht!

Karin Ulich August 2007

 

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