Tier & Mensch e.V.

Eine Geschichte aus dem Leben eines jungen, fidelen Pferdleins
Als halbjähriges Fohlen wurde er auf einer Auktion in Bayern zum Schlachten angeboten. Wäre da nicht Sigrun Kleber gewesen, die ihn zusammen mit vielen anderen Pferdekindern freigekauft hätte. Dieser engagierten Frau sind viele Pferdeleben zu verdanken. (www.pferdefreunde-birnbaum.de)
Allerdings fand Balou zweieinhalb Jahre lang keinen Liebe-auf-den-ersten-Blick-Besitzer, und so war er sehr mickrig und weit in seiner körperlichen Entwicklung zurückgeblieben. Ein junges Pferd mit den notwendigen Mineralien etc. zu versorgen ist sehr kostspielig und dies ist natürlich bei der Fülle der Geretteten nicht möglich. Je schneller sie vermittelt werden, desto besser. Nun denn. Ich sah den kleinen Kerl und meine Augen flammten.
Nach 2 Jahren bester Pflege und Versorgung ist Balou nicht mehr wiederzuerkennen und anhänglich wie ein Hündchen. Es sind bis jetzt keinerlei Folgeschäden an Knochen und Gelenken diagnostiziert und ich bin sehr guter Hoffnung, dass er ein langes und wunderbares Pferdeleben führen wird.

Nun zählt er 4 3/4 Jahre und wiegt ca. 750 kg. Er ist zauberhafter Vertreter seiner Rasse. Ein Kaltblut. Ein Süddeutsches. Auf dem Lande im tiefsten Bayern die Fohlenzeit verbracht und von den Bauern auch das Schlaue gelernt.
Ein warmer Tag im Spätherbst. Ich läute zur Pferdeschule. Hier lernt Balou das ABC in Großbuchstaben. Laufen, stehen bleiben, wieder laufen, noch etwas schneller, langsam... und stehen bleiben. Zwischendurch Fußball und auf Kabeltrommeln klettern. Ach ja, Peitsche bringen, auch ein sehr geliebtes Spiel. Ein Kaltblut in der Pubertät hat viele Ideen. Er ist ein so fideles Pferdlein. Leider macht eine ungeklärte Lahmheit dem bunten Treiben kurzzeitig ein Ende. Zumindest dem Laufen. Der Tierarzt vermutet: Wachstumsschub, Knochen wachsen schneller als Bänder, in zwei, drei Wochen wird wohl alles wieder gut sein. Gut. Bis dahin vertreiben wir uns die Zeit mit all seinen Lieblingsspielchen, wozu dann auch das Bringen von Futtereimern gehört, die nach der Spiel-Schule ordentlich gefüllt sind. Balous Augen glänzen. Danach geht's wieder auf die Koppel zu den Freunden, ein herrliches Pferdeleben.
Die Wochen gehen ins Land. Regelmäßig teste ich seine Lahmheit, alles bleibt beim alten. Keine Besserung .Ich lasse röntgen, nichts zu sehen, es werden Entzündungshemmer gespritzt, nichts. Homöopathie, nichts. Keinerlei Besserung. Kaum fordere ich ihn auf, sich in Bewegung zusetzen, tut's mir schon vom Hinsehen weh. Mein armes, ehemals so fideles Pferdlein bewegt sich wie ein Klumpen Schmerz. Ich breche immer wieder sofort die Laufvorstellung ab. Dann wird eben gespielt. Das allerdings macht er mit dem größten Eifer. So ein gutes Pferd, lässt sich nicht hängen. Ich bin gerührt und beeindruckt. Zur Belohnung gibt's wunderbare Mohren und Äpfel und extra lange Massagen.
Die Tage gehen ins Land und ich, als Pferdeosteopathin, weiß mir immer noch keinen Rat. Trenne mich vom zuständigen Huforthopäden. Wahrscheinlich hat er die Hufe verdorben und nun ist alles im Eimer. Ach, wie bloß weiter?
Ich bitte eine Stallkollegin mein Pferd vorsichtig zu bewegen, um von außen nochmals intensiv nach dem Delikti zu schauen. Da! Viel Solches gelesen und nie geglaubt. Es ist, als ob sich der Deckel über der trüben Suppe hebt und ein wunderbarer Duft entweicht: Balou, der Klumpen aus Schmerz und Niedergang, Balou, der immer Eifrige, nun schon so lange nicht mehr Könnende, das ehemals fidele Pferdlein setzt seine Beine flotter als ein Tausendfüßler, Bahn für Bahn zieht er beflissen, locker und emsig seine Runden. Ich glaub es nicht. Das kann ich nicht glauben. Keiner zum Zwicken da? Nach einigen Minuten des taktreinsten Trabes, den er je gezeigt hat, übernehme ich etwas verwirrt das Kommando. Die gute Kollegin versteckt sich hinterm Pfosten, ich möchte den wunderbaren Trab meines Pferdleins nun selbst entstehen lassen. Mein Balou schaut mich an, sein Kopf fällt tief und schwer. Mühsam, schmerzvoll und voller Pein, wie es sich für einen schwerkranken pubertierenden Kaltblüter gehört, zeigt er ausgefeilt die Kunst des Lahmens! In solcher Vollendung, dass der hinter dem Pfosten Versteckten und mir die Luft wegbleibt. Eine perfekte Vorstellung. Doch statt des mit Möhren und Äpfeln gefüllten Eimers und einer hingebungsvollen Pferdemassage erwartet ihn ein energisches „Hopp, hopp..."Ungläubig schaut er mich an, zögert und dann...wie ein Nähmaschinchen läuft er los, klapp,klapp, klapp,klapp....Zur Belohnung bekommt er alles, was die Kiepe hergibt und noch viel Gekraule. Der Huforthopäde darf weitermachen, die Röntgenbilder sind wunderschön und mein Pferdlein ist vom Lande, sagte ich das schon?

J.M. Mai 2006
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