Tier & Mensch e.V.

Pieps -- der musikalische Spatz
Eines Tages im vergangenen Jahr kam unser Sohn Konstantin in die Wohnung und brachte einen winzig kleinen Spatz, den er vor der Haustür gefunden hatte. Er war aus dem Nest gefallen. Wir nahmen ihn als Familienmitglied auf und setzten ihn in einen mit weichem Papier ausgepolsterten Schuhkarton.
Wir probierten aus, was ihm am besten schmeckte. Zuerst versuchten wir es mit Würmern vom Komposthaufen. Dann aber lasen wir, dass Spatzen keine Würmer fressen. Also bekam er allerlei Früchte und auch manchmal Hackfleisch und gekochtes Ei. Seine Lieblingsspeise aber war gekochter Reis mit Kiwi. Bohnen lehnte er entrüstet ab. Wenn wir zu Hause musizierten, saß er am Klavier oder auf der Geige und piepste ununterbrochen. Deshalb nannten wir ihn „Piepsi“, und wir hatten den Eindruck, dass er sogar auf diesen Namen hörte.
Da wir ihn nicht alleine lassen konnten, nahmen wir ihn in seinem Karton mit, wenn wir wegfuhren. Sogar auf einer musikalischen Schulveranstaltung war er mit dabei. Er saß mitten unter den Zuschauern und bereicherte das Konzert mit seinem ständigen Piepsen. Es war uns klar geworden, dass wir einen musikalischen Vogel hatten.
Als er endlich flügge wurde, ließen wir ihn natürlich ins Freie. Er flog aber immer nur bis zum nahestehenden Nussbaum und kam zu unserer Freude auf unser „Piepsi"- Rufen zum Küchenfenster zurück. Nachts blieb er im Haus, und jeden Morgen pünktlich 6 Uhr kam er ans Bett geflogen, weil er sein Frühstück forderte. Wir brauchten keinen Wecker mehr. Im Auto war sein Lieblingsplatz das Lenkrad. Dort fühlte er sich wohl und hinterließ auch seine Spuren.
Als ich ihn einmal mit auf die andere Seite des Hauses nahm, flog er davon - und war für immer verschwunden. Wahrscheinlich hatte er die Orientierung verloren. Wir waren sehr unglücklich, und die ganze Familie trauerte.
Wir hoffen sehr, dass er die schweren Bedingungen der ungewohnten Freiheit überstehen konnte. Vielleicht hat er eine Familie gegründet. Wir würden ihn wiedererkennen, wenn er uns mal besuchte. Er war dicker als die anderen Spatzen und nicht so scheu.
Roswitha Bothe
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