Tier & Mensch e.V.

Rennpferde - getrieben und verschlissen
Wie herrlich die edlen Rösser über die Bahn sausen! Anmut, Eleganz und beneidenswerte Schnelligkeit der Pferde haben schon immer uns Menschen fasziniert. Viele Tierfreunde entwickeln eine ganz besondere Zuneigung zu Pferden, was auch ihrem gutmütigen Charakter zu verdanken ist. Dass jedoch selbst die teuren Renn- und Springpferde kein schönes Leben führen, auch wenn sie mit vielen Tausend Euros gehandelt werden, können sich viele nicht vorstellen. Die brutalen Methoden bei der Abrichtung von Springpferden hatte schon vor etwa 30 Jahren Horst Stern dokumentiert. Damals ging eine Welle der Empörung wegen fieser und schmerzhafter Trainingstricks und kranker, überforderter Pferdebeine durch das Land. Am 19. Juli beschäftigte sich nun „Report Mainz" mit dem Schicksal der Rennpferde und den Zuständen auf deutschen Rennbahnen. Auch diese Enthüllungen stoßen auf Entsetzen. Wer denkt schon an ein tristes Leben in einer monotonen Stallbox oder Stress bedingte Magengeschwüre, wenn er die prachtvollen Pferde im gestreckten Galopp oder eiligem Trab die Rennbahn entlang hetzen sieht? Die Redakteure Nicola Timm und Thomas Reutter haben recherchiert und sich unter anderem bei der Hamburger Rennbahn umgesehen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Wenn ein Jockey wie wild auf sein Pferd einprügelt, um das letzte aus ihm rauszuholen, sind die Strafen viel zu gering um eine abschreckende Wirkung zu entfalten. Bis zu fünf Peitschenhiebe auf das Pferd sind übrigens erlaubt. Nach den Rennen sind alle Pferde völlig erschöpft, einige kollabieren.
43% der Pferde werden viel zu früh trainiert und zu Rennen herangezogen, nämlich im Alter von unter zwei Jahren, wenn sie noch wachsen. Sie sind noch zu jung, um diese Belastung zu verkraften: Wie eine gründliche Untersuchung an der FU Berlin ergab, ist bereits in den ersten 16 Monaten nach Trainingsbeginn mehr als die Hälfte der Pferde .krank, jedes zwanzigste lebt nicht mehr.
Doch auch wer älter wird, kann sich nicht seines Lebens erfreuen, denn es bietet nichts als den Kontrast zwischen 23 oder 23 1/2 Stunden Aufenthalt in der langweiligen Box und den Rennen, die durch Hektik, Lärm, viele fremde Artgenossen und dem Zwang zu Höchstleistung maximalen Stress verursachen. Das führt nicht nur zu schwersten Verhaltungsstörungen, sondern auch Magengeschwüren bei 52% bis 100% der Pferde (Studie der Uni Bristol). Schmerzhafte Koliken sind nicht selten eine Todesursache. Knochenbrüche, Gelenk-, Sehnen- und Muskulaturschäden sind ein weiterer häufiger, sehr schmerzhafter Grund, um ausgemustert zu werden - der Weg führt oft zum Schlachthof nach Italien - das Pferd soll ja Geld einbringen. Die Lebenserwartung der Rennpferde ist überhaupt sehr niedrig. Im ersten Halbjahr 2010 sind auf deutschen Rennbahnen bereits 30 Todesopfer unter den Pferden zu beklagen. Als Teil des Systems sind die Tierärzte auf der Rennbahn jedoch weitgehend hilflos. Dr. Maximilian Pick war 20 Jahre als Rennplatztierarzt im Einsatz. Er hat aufgrund seiner Erfahrungen an Tierschutzleitlinien zum Rennsport mitgearbeitet.
Die wichtigsten Forderungen sind folgende:
- Koppel- und Weidehaltung sollte vorgeschrieben werden.
- Tierquälereien (z.B. Peitschen ins Ziel) müssen wirksam abschreckend geahndet werden.
- Das Wetten erzwingt maximalen Erfolgsdruck. Ein Wettverbot wäre eine Lösung.
 Nur wenige Pferdeliebhaber wissen, dass auch viele als geliebte „Hobbytiere" gehaltenen Pferde Opfer von mangelhafter Fachkenntnis ihrer Besitzer sind. Sie leiden unter Langeweile, zu wenig Bewegung oder nicht ausreichender sozialer Einbindung in eine Herde.
Auch dass viele Fohlen - gerade in Alpenregionen - nur geboren werden, um Touristen als lustige Füllen zu entzücken und bereits als Schlachtpferd verkauft werden, bevor sie ein Jahr alt sind, ist ein weitgehend unbekannter Skandal.
Karin Ulich September 2010
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