Amputation von Schwanz und Schnabel -

Der mühsame Ausstieg

 

 

Das Abschneiden von Schweineschwänzen und Schnäbeln bei Geflügel ist in der EU seit 2003 ver­boten – bis auf einzeln zu begründete und zu ge­neh­migende Ausnahmen. Bereits 2013 forderte die EU-Kommission unter Androhung von Vertrags­stra­fen die Regierungen zur Umsetzung dieses Verbots auf. Doch daran hapert es in Deutschland weiterhin: Die Verordnung wurde bis heute nicht von der Bundesregierung in nationales Recht übernommen! Infolgedessen  findet sich im ganzen Land kaum ein Schwein mit in­taktem Schwanz oder Geflügel mit unversehrten Schnäbeln! Der niedersächsische Landwirtschafts­mi­ni­ster Christian Meyer hatte sein Amt mit dem festen Willen angetreten, die Missstände in der Massentierhaltung anzugehen. Dabei half ihm die Vorlage seines Vorgängers, der in seinem „Tierschutzplan“ vorge­se­hen hatte, das Kupierverbot bis 2016 durchzu­setzen. Meyer kämpfte zwei Jahre lang einen außerordentlich engagierten, zä­hen und mühevollen Kampf gegen das illegale Amputie­ren, der nun in einem „Kom­pro­miss“ mit der Schweine- bzw. Geflügellobby endete, fest­geschrieben in der „Richtlinie Tierwohl“:

Das Land Niedersachsen bewilligt für den Zeitraum von fünf Jahren 28 Millionen Euro Fördergelder, um Bauern zu unterstützen, die das Amputieren von Schweineschwänzen und der Schnabelspitzen von Legehennen unterlassen. Das klingt nach viel, ist es aber nicht: Würden alleine die Schwei­­nemäster profitieren, würde das Geld für 1,7 Millionen Schweine reichen – so viele, wie monatlich in Niedersachsen geschlachtet werden (Quelle: TAZ). Es werden jedoch vermutlich nur ca.1% der niedersächsischen Schweine mit dem Förderbetrag von 16,50 € je Tier bedacht werden können, denn aus diesem Budget werden auch Legehennenhalter gefördert.

Da aber diese Förderung begleitet wird durch verpflichtende Schulungen der teilnehmenden Bauern und ihrer Ferkelzüchter, verbesserten Haltungsbedingungen, durch Kontrollen sowie der Aufzeichnung der Erfahrungen, hofft man auf eine praxisreife Grundlage, um das Amputieren der Schwänze bald flächendeckend in Niedersachsen verbieten zu können.

Um die Prämie zu erhalten, müssen alle Schwänze der Herde unbeschnitten sein. Darüber hinaus müssen 70% der Schweine zum Mastende unverletzte Schwänze aufweisen und pro Schwein 1m² Stallplatz zu gewähren (statt der üblichen 0,75 m²). Weitere Kriterien zur Haltungsverbesserung sind aus einer Punkte-Liste auszuwählen. Dieses Prinzip der Auswahl entspricht dem Tierwohllabel des Handels, über das wir an anderer Stelle berichten. Die Bauern müssen auf mindestens 10 Punkte kommen. Das ist nicht viel, denn 10 Punkte sind schnell erreicht: Alleine das Verzichten auf das Schwanz-Kupieren bringt bei einem Bestand bis zu 200 Tiere 5 Punkte, der Quadratmeter Lebensraum einen. Können alle Tiere gleichzeitig fressen, was aus Gründen des sozialen Friedens sehr wichtig ist, gibt es zwei Punkte, ein getrennter Liegeplatz dazu zwei weitere – schon sind die Fördergelder gesichert, ohne Stroh, bei Vollspaltenboden... Aber reichen 10 Punkte auch aus, um das Schwanzbeißen soweit in den Griff zu bekommen, dass nicht mehr als 30% der Schwänze zum Mastende Verletzungen aufweisen? Wenn die Verletzungsrate höher liegt, gibt es keine Prämie!

 

Um die Prämie von 1,70 € pro Legehenne zu erhalten, sind Schnabel­kürzen und die Käfighaltung nicht zugelassen. Ansonsten gelten weitgehend die Regeln der Boden- oder Freilandhaltungs-Verordnung. Hoffentlich verhindern die zuständigen Behörden, dass Halter die tierschutzwidrige Dunkelhaltung einsetzen, um bei nicht artgerechter Haltung Federpicken zu verhindern!

 

Um vorrangig kleinere Betriebe zu fördern, wurden die Prämien auf 1000 Schweine bzw. 6000 Legehennen pro Durchgang begrenzt.

 

Mit den Prämien werden also nur kleine Erleichterungen für die Tiere bewirkt. Um das Amputieren überflüssig zu machen, wäre es allerdings nötig, das System der Massentierhaltung zugunsten einer artgerechten Tierhaltung abzuschaffen. Doch das kann kein Bundesland schaffen ohne die kraftvolle Unterstützung der Staats- und EU-Regierungen. Christian Meyer hat mit diesem ersten Schritt immerhin einen wichtigen Meilenstein gesetzt, der den Weg in die Zukunft weisen kann.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Nachfrage der Bauern hoch ist und sich die Verteilung der begrenzten Fördermittel nach den höchsten Punktzahlen richtet, so dass ein Wettbewerb um die besten Haltungsbedingungen entstehen kann. Vielleicht wird in absehbarer Zeit das EU-Verbot doch noch in deutsches Recht umgesetzt, so dass alle Tiere mit intakten Schnäbeln und Schwänzen leben  können?  Karin Ulich


 

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