Wird das neue Arzneimittelgesetz den Antibiotikaeinsatz senken?

 

Mitte Juli haben Bundesrat und Bundestag einer Änderung des Arzneimittelgesetzes zugestimmt. Herausgekommen ist nach langem Tauziehen ein Kompromiss: Eine Datenbank soll künftig die Mengen erfassen, die jeder Tierhaltungsbetrieb einsetzt. Diese Datensammlung wird den Verbrauch von Antibiotika nicht mindern. Nur wenn ein Tierhalter weit mehr Antibiotika in seinen Ställen einsetzt als der Durch­schnitt seiner Kollegen, kann ihn seine Behörde zu Maßnahmen verpflichten. Erst nach wiederholter Missachtung der Anordnungen drohen ihm Sanktionen – schlimmstenfalls der Entzug der Betriebserlaubnis für maximal drei Jahre. So bleibt alles im Großen und Ganzen beim Alten. Die Ursache für den wahnsinnig hohen, gefährlichen Einsatz von Antibiotika, nämlich das „System Massentierhaltung“, wird nicht in Frage gestellt.

Wo viele überzüchtete Tiere – im Fall von Geflügel bis 40 000! – in einem Stall unter nicht artgerechten Bedingungen zusammengepfercht leben, kommt man um eine Behandlung des ganzen Bestandes nicht umhin, denn Krankheiten verbreiten sich rasend schnell, geradezu explosionsartig, von einem Tier auf das nächste. Krankheitskeime geraten leicht in die Nachbarställe auf dem Hof, über Kadavertonnen, den Kot oder die Lüftung der Ställe auch in die Umgebung. Mit Transportern, Tierärzten oder Impf- und Fangtrupps gelangen Krankheitserreger in die weiteren Bestände des jeweiligen Konzerns, aber auch in den Schlachthof. Durch die Verabreichung von Medikamenten können hohe Krankheits- und Todesraten bei den Tieren gemindert, nicht aber die Erreger ausgerottet werden. Schlachttiere sind zu einem hohen Prozentsatz mit gefährlichen Keimen wie Salmonellen und Campylobakter kontaminiert. Sie lösen schwere Lebensmittelvergiftungen aus. Allein in Deutschland kosten sie Tausende Menschen jährlich das Leben!

Trotz des Verbots als Masthilfe seit 2006 ist der Verbrauch von Antibiotika ungehemmt gewachsen. Offenbar ist der verbotene Einsatz als niedrig dosierter (subtherapeutische) Mastbeschleuniger immer noch weit verbreitet. Dieses Vorgehen leistet der Gefahr einer Resistenzbildung durch die Bakterien besonders Vorschub. Sie verbreiten sich leicht über den direkten Kontakt zwischen Menschen und den Tieren in den Industrieställen sowie über Fleisch. Dabei kann die Darmflora eines Menschen die Resistenz übernehmen! Im Krankheitsfall versagen dann lebensrettende Antibiotika.

Ärzte beklagen, dass sich Resistenzen gegen Antibiotika erschreckend schnell entwickeln. Bereits jetzt sind sie für jährlich mindestens 15 000 Todesfälle in Deutschland verantwortlich.

 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Europäische Lebensmittelbehörde (EFSA) und auch die Europäische Gesundheitsbehörde (EMA) sind besorgt und fordern eine deutliche Senkung der Antibiotika in der Nutztierhaltung.  Auch eine Ärzte-Initiative stellte Anfang November in öffentlichen Anzeigen die Massentierhaltung als Hauptverursacher von Resistenzen in Frage und fordert ein Ende solcher Großprojekte.

In einem offenen Brief richten sich 21 große europäische Organisationen unter der Leitung  der „Compassion in World-Farming“ (ciwf.org) an den Gesundheits- und Verbraucherschutz-Kommissar Borg mit wichtigen Forderungen, darunter:

- ein Zeitplan für ein bindendes EU-weites Verbot  

des routinemäßigen Antibiotikaeinsatzes,

- das Verbot, in der Humanmedizin notwendige Antibiotika bei »Nutztieren« zu verwenden,

- die Tierschutzstandards zu erhöhen,

- die Überwachung des Antibiotikaeinsatzes sicherzustellen.

 

Warum eigentlich dürfen Gesundheitsgefährdende Lebensmittel in den Handel gelangen? Es ist unverständlich, dass die Länder und die Bundesregierung zulassen, dass mit Salmonellen, Campylobakter und resistenten Coli-Keimen kontaminierte Tierprodukte verkauft werden dürfen. Soweit hätte der Staat sich niemals den Interessen der Agrarindustrie unterwerfen dürfen!

Unsere jetzige Regierung zeigt bis heute kein Interesse, die Probleme wirkungsvoll anzugehen. Immer noch wird der Bau weiterer Tierfabriken politisch privilegiert und gefördert, folglich entstehen immer mehr Keimschleudern. Vermutlich rechnen die Agrar-Konzerne nicht damit, dass ihnen politische Restriktionen drohen. Sie haben die Regierung fest im Griff – und ignorieren den Ernst der Lage. 

Auf der anderen Seite wächst der Druck unabhängiger Wissenschaftler, der großen Tier-, Verbraucher- und  Umweltschutz-Organisationen und nicht zuletzt der Bevölkerung unablässig. Beim Rauchen hat es auch geklappt, dass mit Steuererhöhungen und dem Verbot, in der Öffentlichkeit zu rauchen, bereits nach wenigen Jahren die Anzahl der Raucher und damit die durch Rauchen verursachten Todesfälle deutlich abgenommen haben. Es gilt nun auch, vor dem Fleischkonsum zu warnen und in Einrichtungen der Gemeinschafts­verpflegung, wie Restaurants und Kantinen vorzuschreiben, nur Fleisch aus Haltungen zu verwenden, deren Produkte frei von Krankheitskeimen und Antibiotikaresistenzen. Davon gibt es zurzeit nur wenige, das ist richtig. Doch das wird sich ändern, wenn über die Erhebung von Steuern auf Tierprodukte und importierte Futtermittel, sowie die Abschaffung der Subventionierung der Agrar-Industrie die Kostenlast auf die Verursacher umgelenkt wird, statt vom Bürger als Steuerzahler geschultert zu werden. Das betrifft alle von den Massentierhaltungen ausgehenden Gesundheits- und Umweltschäden! Erst dann werden Bauern wieder beginnen können, artgerechte Freilandhaltung mit überschaubaren Gruppengrößen zu betreiben. Angemessene Preise werden bewirken, dass der Fleischkonsum sinkt. Das ist unter anderem deshalb gut, weil Tierprodukte verantwortlich für den Großteil der so genannten Zivilisationskrankheiten sind.      Karin Ulich

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