Kuckucksei

Es gab einen heftigen Schlag am Wohnzimmerfenster. Ein „ziemlich großer“ Vogel war dagegen geflogen. Er lag benommen am Boden und wurde von dem Bewohner in einen Pappkarton gesetzt und in meine Tierarztpraxis gebracht. Neugierig guckte ich in den Karton. „Ja, das ist ja ein Kuckuck!“ Er war noch sehr ruhig, aber ich fand keine Verletzungen. Stattdessen entdeckten wir ein Ei, das im Karton lag – ein kleines Kuckucksei, verloren im Stress. Damit die Eier im Nest des kleinen Wirtsvogels nicht so auffallen, sind Kuckuckseier nicht nur verhältnismäßig klein, sondern ähneln auch sehr stark den Eiern der jeweiligen Vogelart, denn jede Kuckucklinie sucht Generation für Generation immer nur die Nester der Art auf, von der sie groß gezogen wurde. Ornithologen werden mir sicher sagen können, welcher Vogel in diesem Fall das Kuckuckskind großziehen sollte.
Nach zwei Stunden war der Patient wieder fit für die Freiheit. Ich befestigte den Karton auf dem Gepäckträger des Fahrrads und fuhr los zu seinem Fundort. Der bietet neben der Wohnsiedlung aus Einfamilienhäusern einen verlandenden Teich mit großem Schilfgürtel, alte Laubbaumbestände mit ziemlich viel Unterholz und Streuobstwiesen. Also, ein richtig vielseitiger Lebensraum mit vielen Brutvögeln. An der Eisenbahnschranke mussten wir warten. Nachdem der Zug vorbeigedonnert war, hörte ich eine Unruhe im Karton und drehte mich um. Ich sah gerade noch, wie mein Patient, der sich unter dem Deckeln hervorgedrückt hatte, wie ein Pfeil davonflog, über den Wald – die Richtung stimmte.

K. Ulich

 

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