Gemeinsame Stellungnahme

zur Rolle und Positionierung der Tierärzteschaft in der Agrarindustrie

Die folgende Stellungnahme erschien im Juli 2011 in drei Zeitschriften für Tierärzte:

- VETimpulse 15. Juni 2011

- Der Praktische Tierarzt 7/2011

- Deutsches Tierärzteblatt  7/2011

Über die Rolle des Tierarztes in der Nutztierpraxis wird innerhalb der Tierärzteschaft zunehmend diskutiert. Diese sehr begrüßenswerte Entwicklung war überfällig und ist weiter voranzutreiben, denn was  fehlt ist eine gemeinsame Haltung der deutschen Tierärzteschaft, mit der sie sich als fachkompetente, unabhängige Instanz positioniert und aus der heraus sie das zukünftige Geschehen mitgestaltet.

Um diese Position zu finden ist es unabdingbar, sich die bisherige Entwicklung und derzeitige Situation auf dem Agrarsektor vor Augen zu führen:

Unser auf maximale Effizienz ausgerichtetes Wirtschaftssystem hat auch vor  Landwirtschaft und Nahrungsmittelproduktion nicht halt gemacht. Effiziente Produktion von Lebensmitteln zu immer erschwinglicheren Preisen wurde nicht zuletzt deshalb angestrebt, damit die Verbraucher noch genügend Mittel für anderweitigen Konsum zur Verfügung hatten. Neoliberalistische Ideologie, zunehmender Wettbewerb und Ökonomisierung in allen Lebensbereichen und Globalisierung der Finanzströme haben aus der Landwirtschaft einen Industriezweig gemacht, für den die Regeln des globalen Wettbewerbs gelten. Zwangsläufig kann diese Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt nur auf Kosten von Umwelt, Tierschutz und Sozialgefüge – auf unser aller Kosten also – erreicht werden.

Für diese Zusammenhänge ist in den letzten Jahren ein wachsendes Bewusstsein in der Gesellschaft entstanden. Eine zunehmend sich verändernde Verbrauchererwartung äußert Kritik an der industriellen Landwirtschaft, insbesondere der Tierproduktion, und die Bereitschaft, Tierleid in Massentierhaltungen zu akzeptieren, sinkt.

Parallel dazu drängen Organisationen wie FAO, WHO und einzelne Länder auf eine Reduzierung des gesamten Antibiotikaeinsatzes in der Tierproduktion.

Gesunde Ernährung, Tierschutz, Bewahrung der Schöpfung und auf Gewinnmaximierung ausgerichtete industrialisierte Produktion von Lebensmitteln passen also nicht unbedingt zusammen.

Wieso hat das der Großteil der Tierärzte eigentlich nicht bemerkt? Welche Rolle haben Tierärzte in diesem ganzen Entwicklungsprozess gespielt? Warum waren es nicht sie, die Alarm geschlagen und Widerstand gegen die Machenschaften in der Tierhaltung geleistet haben, bzw. warum haben mutige Einzelkämpfer keine Unterstützung von Kollegen und ihrer Standesvertretung erfahren? Ist es nicht  peinlich für uns Tierärzte, wenn die Gesellschaft uns auf das für sie nicht akzeptable Tierleid hinweisen muss, nachdem  sie jahrzehntelang über die Missstände bei der „Produktion“ von Lebensmittel liefernden Tieren im Unklaren gelassen wurde?  War es nicht eher so, dass sich viele Tierärzte freiwillig in die Boote von Agrar- und Pharmalobby gesetzt haben, um auf dieser Welle kräftig mitzuverdienen?

Das tierärztliche Berufsbild der Zukunft  im Bereich Tierproduktion zeichnet  Prof. Dr. Blaha (in: Der Praktische Tierarzt – Sonderbeilage Schwein und Geflügel, April 2011). Er beschreibt, dass es zu einer starken Verlagerung der Erwartungen des „professionellen Tierhalters“ an den Tierarzt kommen wird. Vom „Reparaturprinzip“ zum „Wartungsprinzip“ für Tierbestände lautet die Devise.  Ein fest in definierte vertikale Lebensmittelproduktionsketten eingebundener Landwirt  (bald nur noch Lohnarbeiter auf dem eigenen Hof, Anm. der Autoren) wird den Tierarzt beauftragen, ihn bei der Erfüllung der wachsenden Anforderungen der Abnehmer seiner Produkte zu unterstützen, also standardisierbare Aufgaben (Monitoring, Zertifizierung, Probenahme etc.) zu übernehmen. Das Ganze nennt sich am Ende dann „tierärztliches Tiergesundheits- und Lebensmittelkettenmanagement“ in einem immer weiter fortschreitenden Strukturwandel hin zu noch größeren Produktionseinheiten.

Abgesehen von der für Umwelt, Klimaschutz und Tierschutz kontraproduktiven Entwicklung, auf die noch zurückzukommen sein wird, sei hier zunächst die Frage erlaubt: Was ist aus unserem Beruf -  einem freien! -  Beruf geworden? Wollen wir diese Entwicklung mitmachen? Wo und wie können Tierärzte in diesem Prozess die Tiergesundheit denn noch aktiv gestalten? Sich zum passiven Befehlsempfänger von Agrarindustrie und Lebensmittelketten degradieren zu lassen – was soll daran für den tierärztlichen Nachwuchs attraktiv sein? Quält man sich durch ein langes Studium mit etlichen Prüfungen, um ein kleines Rädchen im gnadenlosen Wettbewerb des Lebensmittelhandels und der Fleischindustrie zu werden? Und wenn man das tut, besteht dann nicht die große Gefahr, dass man diese Zustände kritiklos für normal hält?  Es wird dringend Zeit, dass der Berufsstand sein Selbstverständnis überdenkt, seine Identität und seinen Auftrag lt. Berufsordnung. Wie legen wir sie aus, diese Berufsordnung, was verstehen wir Tierärzte unter einem „leistungsfähigen Tierbestand“ und wie bringen wir das überein mit unserem Auftrag als „berufener Schützer der Tiere“? Ist das überhaupt vereinbar oder ist uns das alles gleichgültig?  Welche Haltung vertreten wir gemeinsam nach außen und wie stehen wir überhaupt im Ansehen der Öffentlichkeit da? Genau dies ist es nämlich, was die Gesellschaft, die auch in Zukunft guten Gewissens Fleisch essen möchte, von uns Tierärzten erwartet: eine klare kompetente Haltung und die Sorge um das Wohl der Nutztiere! Die Gesellschaft möchte nicht, dass auf Kosten der Tiere, auf Kosten der Bauern, auf Kosten aller, einige wenige Nutznießer, die sich darüber hinaus noch der besonderen Fürsorge des Landwirtschaftsministeriums erfreuen, satte Gewinne einfahren. Zu all diesen Fragen muss es eine offene, ehrliche Diskussion innerhalb der Tierärzteschaft geben. Die Gesellschaft hat begriffen, dass „dieser Umgang mit dem Tier ein Unrecht ist, das wir uns letztlich selber zufügen. Er zwingt den großen Teil der Bevölkerung zum Wegschauen, zum Vergleichgültigen, zum Ausblenden, - also zum Lügen, zur Gefühlsabstumpfung und zur Verdrängung. Wer mit dem offensichtlichen Leid der Tiere derart umgeht, verkrüppelt sich als Mensch, und er wird Mitleid auch mit Menschen, wenn´s drauf ankommt, kaum aufbringen“ (Eugen Drewermann 2010).  In dieser Diskussion sind vor allem auch amtlich tätige Kollegen und unsere Standesvertreter gefordert, besonders die, die in Berlin in bedenkliche Nähe zu Wirtschaftslobbyisten und Politik geraten sind.

Unverzichtbar ist es auch, die tierärztliche Tätigkeit in Zukunft  stärker in den globalen Kontext einzubetten und zwar in dem Sinne, dass wir uns bewusst machen, dass unsere Arbeit in der Agroindustrie direkte Folgen für globale ökologische Zusammenhänge, für die Welternährungssituation, für wirtschaftliche Verhältnisse in Drittländern und damit auch für ein zukünftiges friedliches Zusammenleben auf dieser Erde hat. Wir müssen uns also alle zusammen  viel stärker in den Dienst dieser höhergestellten Ziele stellen und in diesem Sinne Verantwortung übernehmen, wenn wir nicht weiter kräftig an dem Ast sägen wollen, auf dem wir jetzt noch ganz bequem sitzen. Die Gesellschaft -  das sind wir alle! -  wird begreifen müssen, dass der von uns westlichen Ländern praktizierte hohe Konsum tierischer Produkte global die Lebensgrundlagen zerstört und damit letztlich den Weltfrieden gefährdet. „Von allen Problemen der Welt ist die drastische Reduzierung der Fleischproduktion das Wichtigste und Dringendste“ (Prof .P. Brown, Stanford University 2009). Die Industrienationen müssen bei der Veränderung dieser Essgewohnheiten Vorbild werden.

Im Hinblick auf den Klimaschutz gibt es einen globalen, politischen Konsens darüber, dass eine rasch erfolgende Erderwärmung von mehr als 2°C die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaften überfordern würde. Die Folgen wären Umweltkrisen und erhebliche soziale, wirtschaftliche und sicherheitspolitische Risiken. Wir spüren die Anfänge jetzt schon. Ca. ¼ der weltweiten Treibhausgasemissionen sind direkte Emissionen aus der Landwirtschaft. Um die Klimaschutzvereinbarungen einhalten zu können, wird die Landwirtschaft ihre Emissionen deutlich senken müssen. Die Viehwirtschaft beansprucht insgesamt ca. 40% der Weltgetreideernte (FAO, 2009). Die Zukunft kann nur in der politisch geförderten Nachhaltigkeit der Landwirtschaft bei uns und in Entwicklungsländern  (Abbau von Agrarsubventionen für EU und OECD - Länder, verbesserter Marktzugang für Drittländer, Anreizstrukturen für ökologischen Landbau) und in einer klimaverträglichen Ernährungsweise liegen. Neben der Verschwendung von Lebensmitteln in Haushalten wird die Ernährungsweise mit Schwergewicht auf den Verzehr tierischer Produkte immer kritischer betrachtet werden müssen. Eine weitere Intensivierung der Tierproduktion hierzulande für Exportzwecke kann und darf  keine Zukunft haben.

1.          Advena, Dr. Ines, 48165 Münster
2.          Albrecht, Dr. Hans, 82110 Germering
3.          Arias Rodriguez, Dr. Kathrin, 14195 Berlin
4.          Becker, Dr. Andreas, 86753 Möttingen
5.          Dura, Dr. Angelika, 35428 Langgöns
6.          Ebner, Dr. Rupert, 85049 Ingolstadt
7.          Egel-Weiß, Walter, 88430 Rot – Rot
8.          Focke, Dr. Hermann, 26670 Uplengen
9.          Gränzer, Dr. Walter, 85395 Attenkirchen
10.      Graf-Schiller, Dr. Sandra, 88410 Bad Wurzach
11.      Gramm, Dr. Rolf, 38102 Braunschweig
12.      Gosch, Dr. Sabine, 76461 Muggensturm
13.      Hagenlocher, Andrea, 88339 Bad Waldsee
14.      Heiß, Dr. Rosemarie, 15370 Fredersdorf
15.      Hägele, Anke, 89091 Ulm
16.      Idel, Dr. Anita,10829 Berlin
17.      Köhler-Rollefson, Dr. Ilse, 64372 Ober-Ramstadt
18.      Kuhtz-Böhnke, Dr. Martina, 84427 St. Wolfgang / Armstorf
19.      Lawrence, Dr. Jo-Ann, 14473 Potsdam
20.      Lüdcke, Dr. Klaus, Landestierschutzbeauftragter, 10969 Berlin
21.      Paal, Kerstin, 16247 Ziethen
22.      Rist, Dr. Georg, 88339 Bad Waldsee
23.      Rogalla, Margrit, 61130 Nidderau
24.      Seyfried, Anne-Lore 88662 Überlingen – Deisendorf
25.      Spielberger, Dr. Ulrich, 79848 Bonndorf
26.      Straßer, Dr. Hiltrud, 72074 Tübingen / Pfrondorf
27.      Sultan, Dr. Christina, 22145 Hamburg
28.      Torp, Dr. Christian, 24242 Felde
29.      Tschierse, Nicole, 86316 Friedberg
30.      Ulich, Karin, 88138 Sigmarszell 
31.      Weiß, Dr. Annerose, 88430 Rot - Rot
 
Im Anschluss an die Veröffentlichungen erklärten folgende weitere Tierärzte Ihre Zustimmung: 
 
32. Scheck, Dr. Klemens, 17268 Templin
33. Schirm, Nicki, 63505 Langenselbold

 

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